Evangelische
Kirchengemeinde

Überlingen

 

 

 

Einladung
Kann man dem modernen Menschen den Glauben an die Auferstehung noch zumuten?

Im Pfarrhaus am See
Am 26.09.2018

88662 Überlingen | Grabenstr. 2 |07551-953730


Einleitung

"Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für deine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht".

Rudolf Bultmann (1884-1975): Neues Testament und Mythologie, 1941,18


Die Fragezeichen, die Rudolf Bultmann gesetzt hat, wollen wir durch Fragen präzisieren.

  1. Wie vertrauenswürdig sind naturwissenschaftliche Aussagen und welche Auswirkungen auf die Praxis haben sie? Stehen sie im Widerspruch zu Glaubensaussagen?
  2. Wie vertrauenswürdig sind biblische Glaubensaussagen der Bibel welche Auswirkungen auf die Praxis haben sie?


1. Wie vertrauenswürdig sind naturwissenschaftliche Aussagen?

Um zu verstehen, warum naturwissenschaftliche Aussagen vertrauenswürdig sind und einen Wahrheitsgehalt haben, müssen wir uns zunächst mit dem im Zentrum der Naturwissenschaften und ihren Anwendungen stehenden Naturgesetzen beschäftigen.

Was Naturgesetze auszeichnet, kann man schon an einem astronomischen Beispiel verstehen:

Sonne und Mond gehen beide auf und unter.

Wir sehen: beide, Sonne und Mond, bewegen sich um die Erde. Warum stimmt das nicht?

Der Frauenberger Domherr Nikolaus Kopernikus (1473-1543) behauptete, die Erde bewege sich um die Sonne. Er stützte seine Behauptung durch einfache, aber scharfsinnige Beobachtungen.

Zusätzlich hielt Kopernikus dafür, die Erde drehe sich, wie ein Kreisel, um die eigene Achse.

Mit dieser zweiten Annahme konnte Kopernikus zwanglos die Erscheinungen von Tag und Nacht erklären. Diese zweite "Hypothese" vom "Spin" der Erde, wurde - trotz ihrer Plausibilität - erst im 18. Jahrhundert durch eindeutige astronomische Beobachtungen bestätigt.

Anders stand es um seine astromische Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne.

Johannes Kepler (1571-1630) gelang es, aus dem ihm vorliegenden umfangreichen Zahlenwerk des dänischen Astronomen Tycho Brahe, gewonnen durch viele Beobachtungen, die Aufstellung mathematischer Formeln. Eine Formel besagte:

Die Erde und die anderen Planeten bewegen sich auf Ellipsen um die Sonne.

Diese "Keplerschen Gesetze" umfassen noch mehr als die elliptische Bewegung; darauf kommen wir noch zurück.

Wegen ihrer intersubjektiven Überprüfbarkeit sind die Keplerschen Gesetze - und alle anderen, vergleichbar gewonnenen Naturgesetze - vertrauenswürdig.

Die Keplerschen Gesetze erklären zusätzlich und zwanglos die Sonnen- wie die Mondfinsternis.

Erstes Ergebnis
Es geht in den Naturwissenschaften, wie am Beispiel der Astronomie gezeigt, um vertrauenswürdige Naturgesetze, die zu Aussagen führen, die durch systematische und nicht einmal widerlegte Beobachtungen gestützt sind und damit einen empirischen Wahrheitsgehalt haben.

Zweites Ergebnis
Durch Beobachtung und Berechnung kommt man in der Physik, Grundlagenwissenschaft auch von Astronomie. Kosmologie, Chemie und Biologie, zu weiteren Erklärungen, hier der Sonnen- und der Mondfinsternis und - seit dem 18. Jahrhundert - auch zur Erklärung von Tag und Nacht.

Warum aber lauten die Keplerschen Gesetze so, wie Kepler sie anhand von Beobachtungen berechnet hat?

Der englische Physiker Isaak Newton (1643-1727) gab darauf die Antwort in seiner, historisch gesehen, ersten "physikalische Theorie", einer in mathematischer Sprache formulierten Konstruktion.

Aus der inzwischen "klassisch" genannten, Mechanik von Newton lassen sich alle drei Keplerschen Gesetze mathematisch ableiten. Dazu brauchte es nur als zusätzliche Hypothese das "Gravitationsgesetz": Die Anziehungskraft zweier Massen ist desto stärker, je "schwerer" sie sind und je weniger weit sie voneinander entfernt sind.

Neben den Keplerschen Gesetzen lassen sich aus der klassischen Mechanik zum Beispiel die Fallgesetze ableiten. Sie werden durch Experimente bestätigt.

Wie geniale Menschen wie Newton und später Einstein physikalische Theorien finden, bleibt ihr Geheimnis. Sie sind schöpferische Leistungen wie wir sie mit den Werken von Leonardo, Bach oder Mozart vergleichen können.

Drittes Ergebnis
Empirische Grundlagen aller Naturwissenschaften sind zwar Beobachtung und Experiment.
Beobachtungen und Experimente müssen mit dem gleichen Ergebnis auch von anderen Fachleuten durchgeführt werden können.

Beobachtungen und Experimente müssen reproduzierbar sein, um in der Gemeinschaft der Wissenschaftler anerkannt zu werden.

Aber erst wenn physikalische Begriffe wie "Masse" oder "Kraft", durch Beobachtungen oder Experimente numerisch bestimmt, anschließend - zusammen mit anderen Begriffen wie zum Beispiel "Ort", "Impuls" oder "Energie" - in eine mathematisch formulierte Theorie eingebaut werden können, haben die aus einer solchen Theorie abgeleiteten Naturgesetze einen hohen Wahrheitsgehalt und Grad an Vertrauenswürdigkeit.

Die aus diesen Gesetzen abzuleitende Aussagen wie

"die Erde bewegt sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne"

werden, wie gezeigt. durch Beobachtungen bestätigt.

Die Theorie mit ihren abgeleiteten Naturgesetzen und die aus diesen bestimmten empirisch bestätigten Aussagen stützen sich gegenseitig.

Sie verleihen diesen Theorien einen hohen Wahrheitsgehalt.

Umgekehrt wäre eine physikalische Theorie in ihrem Wahrheitsgehalt und ihrer Vertrauenswürdigkeit erschüttert, wenn wiederholte Beobachtungen oder Experimente aus aller Welt nicht mit den aus der Theorie ableitbaren Aussagen übereinstimmen würden.

Nun machen wir in Gedanken einen Zeitsprung vom 18. ins 20. oder 21. Jahrhundert

Diese vier am Beispiel der Planetenbewegungen gewonnenen allgemeinen Ergebnisse über Wahrheitsgehalt und Vertrauenswürdigkeit treffen auch für "moderne Theorien" zu.

Es handelt sich um die Relativitätstheorie (1905-1916) und die Quantentheorie (1900 - 1933).

Relativitätstheorie und Quantentheorie enthalten die klassische Mechanik als Spezialfall, dann nämlich, wenn es um Geschwindigkeiten geht, die kleinen gegenüber der Lichtgeschwindigkeit sind sowie um Massen, die weit schwerer als Moleküle und Atome sind.

Alle bislang konzipierten physikalischen Theorien wie Mechanik, Wärmelehre, Elektrizitätslehre, Optik, Quantentheorie und Relativitätstheorie werden durch eine Vielzahl von Anwendungen in Technik und Medizin zusätzlich bestätigt.

Die beiden neuen Theorien widersprechen allerdings unserer Anschauung. Sie sind nur mathematisch widerspruchsfrei zu formulieren.

Zwei Beispiele

So gilt die Lichtgeschwindigkeit als höchste Geschwindigkeit im Vakuum (Spezielle Relativitätstheorie). Die Newtonschen Mechanik kennt keine Höchstgeschwindigkeit in der Natur.

Sowohl Licht als Erscheinung der Energie als auch Elektronen als Bausteine der Materie zeigen sich bei Experimenten in zweierlei Natur:

Entweder als Teilchen oder als Welle (Quantentheorie)

In der "klassischen Physik" - in Mechanik, Wärmelehre, Elektrizitätslehre oder Optik - wäre, wie auch in unserer Anschauung, was wir beobachten, entweder als Teilchen, also räumlich konzentriert, oder als Welle räumlich ausgedehnt, zu registrieren.

Viertes Ergebnis
Durch Experiment und Beobachtung gestützte Theorien, wie Mechanik, Thermodynamik. Elektrizitätslehre, Optik, Quantentheorie oder Relativitätstheorie, werden durch Anwendungen in Technik oder Medizin millionenfach in der Praxis bestätigt.

Dies macht die aus diesen Theorien gewonnenen physikalischen Aussagen noch vertrauenswürdiger, ihren Wahrheitsgehalt stetig größer.

Auf eine hochmoderne medizinische Anwendung, die Kernspintomographie, kommen wir noch zu sprechen.

Ob Christ, Marxist, Moslem, Buddhist oder Atheist: Alle Naturwissenschaftlerinnen, Ingenieurinnen, Medizinerinnen und ihre jeweiligen Kollegen akzeptieren beruflich die gleiche "wissenschaftliche Wahrheit".

Da "Gott" weder beobachtet, noch durch Experimente untersucht werden kann, noch als theoretischer Begriff als Bestandteil einer der durch alle bisherigen Erfahrungen gestützten physikalischen Theorie unentbehrlich ist, können Naturwissenschaftler oder ihre Kolleginnen keine "naturwissenschaftlich wahren" Aussagen über "Gott" machen.

Die Naturwissenschaften können weder behaupten Gott existiere, noch Gott existiere nicht.

Der Atheismus ist daher ebenfalls eine der Glaubensüberzeugungen.

2. Glauben im Sinne des Priestertums aller Gläubigen

Im Zentrum meines persönlichen Verständnisses im Sinne des "Priestertums aller Gläubigen" steht nicht glauben an, sondern vertrauen auf.

Vertrauen ist immer ein Wagnis und gehört zu unseren "existenziellen" Entscheidungen, die wir nur für uns selbst fällen können.

"Vertrauen auf", auf Menschen wie auf Gott, gründet auf persönliche Erfahrung.

Für den Glaubenden ist das Vertrauen auf Gott ein Gnadengeschenk Gottes.

Glaube an den durch Christus bezeugten Gott ist kein Synonym für für wahrhalten'.

Vertrauen lässt sich nicht zwischen Menschen übertragen wie "naturwissenschaftliche Wahrheiten".
Auch ein Richter würde einen Urteilsspruch nicht auf mein bekundetes Vertrauen gegenüber meinem Sohn oder meiner Frau stützen. Er brauchte für ein Urteil juristisch valide "Beweise", die in der Rechtswissenschaft als belastbar gelten.

Ein eigenes "weltliches" Beispiel für "Vertrauen"

Als man mir 2010 im Klinikum Stuttgart mit Hilfe der Kernspintomographie am Bildschirm zeigte, dass ein gutartiges Adenom (eine Geschwulst) auf meine beiden Sehnerven drückte, blieb medizinisch-naturwissenschaftlich nur die Wahl zwischen Operation oder Blindheit.

Die Kernspintomographie (MRT) ist übrigens ein Gemeinschaftswerk von Physik, Elektrotechnik, Informatik und Medizin. Sie ist eines der modernsten Verfahren der Bilderzeugung und inzwischen in der Medizin unentbehrlich.

Seine Vertrauenswürdigkeit beruht auf ihrem naturwissenschaftlichen Wahrheitsgehalt.

Ein Neurochirurg aus dem Klinikum informierte mich vor der Operation. Ihm vertraute ich. Das Ergebnis bestätigte das Wagnis meines Vertrauens in den Neurochirurgen wie auf sein Team.

Ob eine weitere Person, der ich das Stuttgarter Team für eine entsprechende Operation hätte empfehlen können, ihrerseits dem Team vertraut hätte, hätte nur die Person selbst entscheiden können.

Aufgrund vieler persönlicher Vertrauens-Erfahrungen seit Jahrzehnten vertraue ich auf das, was Christus über Gott und unser Verhältnis zum Nächsten oder "Nachbarn" gesagt hat.

Und wenn es mir trotz aller Mühe nicht gelingen sollte, in den Grenzen meiner Möglichkeiten Mitmenschen beizustehen, hoffe ich auf Gottes Barmherzigkeit.

Wir können sowohl mit einer kosmologisch endlichen wie einer kosmologisch unendlichen Welt gut leben.

Ohne Vertrauen, ohne Solidarität oder ohne Hoffnung können wir unser Leben nicht meistern.

Aber auch für "Glauben" gibt es, durchaus vergleichbar, mit der Praxis von Naturwissenschaft und Technik, einen "Praxistest".

"An ihren Taten sollt ihr sie erkennen": (1. Johannes 2, 1-6)

Mein Vertrauen oder meine Hoffnung auf Christus, seinen Beistand, seine Auferstehung oder mein "Leben in der zukünftigen Welt", kann ich nicht auf Sie, meine Damen und Herren, die Sie mir zuhören, übertragen.

Oder mit Dietrich Bonhoeffer: "Glauben heißt bedingungslos trauen und wagen".
 

Fazit

(Natur-)Wissenschaften helfen mit, die Welt zu verstehen, Glaube das eigene Leben zu bestehen.

www.rampacher.de