Theoretische Ethik

Normen und Normenkonflikte

- Ein empirisches Forschungsprogramm für Ethik als
Theorie gesellschaftlichen Risikomanagements -

XVII. Deutscher Kongress für Philosophie, Leipzig, 23.- 27.09.1996
Workshop 27 Spektrum der Ethik
überarbeitete Fassung

1. Einführung

Der Nestor der deutschen Philosophie, Hans-Georg Gadamer, antwortet auf eine Frage der ZEIT, was die Philosophie tun könne: "Wir haben eine dreihundertjährige Schuld zu begleichen. Seit drei Jahrhunderten haben wir eine phantastische Entwicklung unseres Wissens und Herrschenkönnens über die Naturkräfte erlangt. Wir haben nichts auch nur entfernt Vergleichbares in der Bildung des Menschen für die richtige Anwendung dieser neuen Macht. Deswegen erleben wir heute, dass wir in einer Welt leben, in der unendlich zerstörerische Machtmittel in die Hand des Menschen gekommen sind. Niemand weiß, wie man die Menschheit vor der Selbstvernichtung bewahren soll. Hier haben wir ein unendliches Manko." [ZEITPunkte, S. 20] Zuständig für die Begleichung dieser Schuld wäre die philosophische Ethik. In dieser herrscht aber bisher ein "Chaos der Schulmeinungen" vor [Patzig 80, S. 99].

Ethik als empirisch gehaltvolle Wissenschaft, als "soziale Physik", könnte das "unendliche Manko" eher beseitigen als Moralphilosophie. Die "soziale Physik" beschreibt Gemeinwesen als sich selbst organisierende komplexe soziale Systeme einer in Raum und Zeit homogenen idealen Gesellschaft; konstituierender Zweck aller Gemeinwesen ist die Risikobegrenzung. Reale Gemeinwesen müssen um so größer sein, je größer die Risiken in Raum und Zeit sind, die ihre Existenz bedrohen. Gesellschaftsnormen bilden notwendige und hinreichende Bedingungen zur Minimierung dieser Risiken. Als Vorschriften sind sie für die gesellschaftliche Praxis so unentbehrlich wie physikalische Gesetze für die technische: Je häufiger Gesellschaftsnormen - einige von ihnen sind in vielen Kulturen als "moralische Normen" überliefert - von allen befolgt werden, desto besser wird der gesellschaftliche Zweck eines erfolgreichen Risikomanagements erreicht.

Sokrates weist im Dialog Kriton [Platon, S. 48] bereits darauf hin, daß alles verboten ist, was den Untergang des Gemeinwesens riskieren könnte, selbst dann, wenn es dem einzelnen Vorteile bringt. Aristoteles stellt die mangelnde Präzision ethischer Argumente fest, die er aber bei diesem Gegenstand für unausweichlich hält [Aristoteles, S. 56, 57]. 2000 Jahre später hat Kant erkannt, daß in jeder Wissenschaft "im Grunde alles auf den Calcul ankommt" [Vorländer, S. 170].

Einen "Calcul" schlägt erstmals Bentham zur Begründung von Moral und Recht vor: die Maximierung des Nutzens - u.a. des Glücks - für möglichst viele Menschen, mit Nutzen als statistischer Meßgröße [Bentham, S. 56-57, S. 79-82]. Mill hat das Prinzip auf alles Leben ausgedehnt [Mill, S. 21]. Popper korrigiert die Utilitaristen: Er schätzt die Minimierung von Leid für ungleich wichtiger ein, als die Vermehrung des Glücks ohnedies Glücklicher [Popper, S. 289-290, 362].


Eine erfahrungswissenschaftliche Ethik bildet zugleich eine zuverlässige Grundlage für die Gesellschafts- und Wirtschafts-wissenschaften, auch hier ähnlich der Physik, ohne welche die übrigen Naturwissenschaften nicht auskommen.

Die Vernunft und die Reformfähigkeit von Gemeinwesen wird nun messbar: Je wirksamer sie überlebensrisiken begrenzen und dadurch "Leid minimieren", desto vernünftiger sind sie; erkennen und begrenzen sie überdies fortlaufend mehr Risiken als neue entstehen, dann sind sie zudem lern- oder reformfähig [Bentele 95].

"Vernunft im menschlichen Leben" untersucht aus Sicht des ökonomen Simon [Simon 93]; leider verzichtet er auf mathematische Methoden.

Normen müssen in der gesellschaftlichen Praxis als Handlungsanweisungen für alle unmittelbar verständlich sein. Sie gehorchen einer spezifischen Logik, der "deontischen Logik" [Wright 94].



2.Ethik als Wissenschaft

2.1 Ethik und wissenschaftlicher Fortschritt
"Je mehr wir können, um so weniger dürfen wir." [Eigen, S. 30]. Neue Technologien bringen auch neue Risiken mit sich. Gesellschaftsnormen zu deren Eindämmung stammen aus der jeweils jüngsten Theorie des Ethik-Forschungsprogramms; sie reproduziert Normen älterer Ethik-Theorien und berücksichtigt zusätzlich die neu entdeckten Risiken jüngster Entwicklungen.

Schon um 1600 beschrieb Francis Bacon das "Grundgesetz der Technik": "Scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum" [Bacon 1620]. Bacon hat damals jedoch nur die Macht kausalen Wissens, nicht aber seine Risiken erkannt.

Physik wird durch das apriorische Kausalprinzip konstituiert und besteht aus einer Folge von Theorien. Dabei reproduziert die jüngere Theorie mit ihrer präziseren mathematischen Formulierung des Kausalprinzips alle Naturgesetze ihrer Vorgängerin und produziert zusätzliche physikalische Gesetze. Physikalische Erkenntnis wächst kumulativ und verleiht dadurch der Technik wachsende Macht. Technische Macht durch Physik nutzen die meisten modernen Gemeinwesen samt ihren Bürgern.

Ethik wird durch das apriorische Prinzip der Risikobegrenzung konstituiert. Sie besteht aus einer Folge von Theorien; die jüngere mit ihrer präziseren mathematischen Formulierung des Prinzips der Risikobegrenzung reproduziert alle Normen ihrer Vorgängerin und erlaubt die Ableitung zusätzlicher Normen. Ethische Erkenntnis wächst kumulativ und stellt dadurch der Gesellschaft Mittel bereit, überlebensrisiken zuverlässig zu begrenzen. Auf die dadurch mögliche ethische Fundierung moralischen, rechtlichen, wirtschaftlichen oder politischen Handelns verzichten bisher alle Gemeinwesen. "Freie" Menschen verstoßen häufig gegen Normen und provozieren damit Normenkonflikte. Diese unterminieren wirksame Risikobegrenzungen.

2.2 Ethik und Verantwortung
Moralisches Verhalten wird in allen Kulturen aufgrund von Vorbildern, von Lob wie Tadel der sozialen Umgebung eingeübt und verinnerlicht. Als "Stimme des Gewissens" [Patzig, S. 33, 62-63] bestimmt es das Handeln lebenslang, meist mehr emotional als rational. Heute scheint eine unmittelbar "geglückte Sozialisation" jedoch immer seltener.

Nur wer moralischen Normen ohne jeden sozialen Druck gehorcht, genießt Vertrauen und gilt als "gut". Auch gute Menschen sind aber nicht davor gefeit, in "moralische Dilemmata" zu geraten.

Als Zeuge einer schweren Gewalttat können sie entweder gewaltfrei reagieren und so den Tod des Opfers riskieren, oder Gewalt anwenden und damit selbst normenwidrig handeln.

Wegen solcher Dilemmata insbesondere in der Politik suchte M. Weber das starre Festhalten an Normen, die "Gesinnungsethik", durch eine "Verantwortungsethik" [Weber 71] abzulösen.

Auch H. Jonas schlägt eine umfassende "Ethik für die technologische Zivilisation" [Jonas 79] vor. Wie aber "Das Prinzip Verantwortung" operationalisiert wird, bleibt letztlich offen.

Verantwortung [Lenk, S. 61] tragen Personen wie soziale Gruppen

  • für "Verantwortungsbereiche", die in Raum und Zeit so weit reichen wie Macht oder Wissen
  • für alle betroffenen Lebewesen
  • vor einer Instanz, etwa der Gesellschaft oder Gerichten
  • vor einem ethisch oder rechtlich
  • begründeten Normsystem


Die Globalität vieler Verantwortungsbereiche erzwingt eine globale anwendbare Ethik; sie muss zukünftige Generationen ebenso wie das gesamte Leben auf diesem Planeten einbeziehen.

Ohne in Moral, Recht oder Politik objektiv geltende Normen gibt es keine willkürfreie Bewertung der Verantwortung; Tat wie Folgen müssen bewertet werden; Folgenabschätzungen allein reichen nicht aus [Nida-Rümelin 95].



3. Risiken, Normen, Zustände

3.1 Risiken
Der Risikobegriff ist relational: Ereignisse der Klasse A bedeuten für Lebewesen der Klasse B, nicht aber der Klasse C, ein Risiko. Was insbesondere das überleben eines Gemeinwesens intern wie extern bedroht, bedeutet ein Risiko.

Im allgemeinen lassen sich Risiken als Produkte von Risikofaktoren und Eintrittswahrscheinlichkeiten nur mit Hilfe der Fachwissenschaften ermitteln. Doch gibt es "Basisrisiken", die sich schon durch praktische Erfahrung zuverlässig erkennen lassen.

3.2 Vermeidbare Risiken und starke Normen
Die Klasse vermeidbarer Risiken, die das überleben jedes nur möglichen Gemeinwesens bedrohen, kann bereits aufgrund praktischer Erfahrung identifiziert werden. Vermeidbare Risiken sind identisch mit paarweisen Interaktionen, die - von allen Paaren praktiziert, zwischen denen sie erklärt sind, - das überleben eines - unendlich ausgedehnten - Gemeinwesens sicher ausschließen. Solche Risiken gibt es in allen Gemeinwesen; sie mögen deshalb "Basisrisiken" heißen.

Wenn jede Frau abtreibt, jeder seinen Nachbarn tötet, bestiehlt oder belügt, dann überlebt kein Gemeinwesen; werden diese Interaktionen hingegen unterlassen, bleibt die Gesellschaft von den zugehörigen Risiken völlig frei.

Jedem vermeidbaren Risiko ist genau die starke Norm zugeordnet, welche das Risiko sicher vermeidet, wenn alle sie befolgen. Wenn in einem Gemeinwesen alle dieser starken Norm gehorchen, dann ist die zugeordnete Klasse vermeidbarer Risiken leer, die Norm erhalten. Erhaltung einer starken Norm in einem Gemeinwesen bedeutet eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür, daß es vom zugeordneten Schaden völlig frei ist. Deshalb ist mit jeder starken Norm der Anspruch auf unbedingte Befolgung verbunden. Starke Normen gehören zu den "Basisnormen", denn sie gelten in allen Gemeinwesen und zu allen Zeiten.

Die Begründung starker Normen ist Aufgabe der präskriptiven deterministischen Komponente der Ethik, der "Mikroethik"; starke Normen heißen deshalb auch deterministische Normen.

Emotionale Verankerung und Rechtfertigung der meisten weltweit bekannten moralischen Normen erfolgt bis heute durch die jeweiligen Religionen. Angesichts ihres global schwindenden Einflusses, ist die Erkenntnis wichtig, daß sich Normen auch "ohne Metaphysik" [Patzig 83] rechtfertigen lassen; ob dies für den Durchschnittsbürger genügt, bleibt offen.

3.3 Minimierbare Risiken und schwache Normen
Im Unterschied zur Unterlassung bei riskanten Interaktionen schließen Aktivitäten stets das Risiko des Scheiterns ein. Gebote, wie z.B. Mitmenschen da zu unterstützen, wo sie deutlich weniger leistungsfähig sind als man selbst, können auch bei strikter Befolgung Risiken nur vermindern, nicht vermeiden. Gebote werden durch die präskriptive statistische Komponente der Ethik, die "statistische Mikroethik" begründet. Auch Gebote müssen so eindeutig formuliert sein, dass sie von allen Menschen unmittelbar in ihrer Praxis befolgt werden können.

Unbedingte Vorschriften, welche zugehörige Risiken nur vermindern, nicht vermeiden können, heißen statistische oder schwache Normen. Die statistische Mikroethik sucht schwache Normen als notwendige und hinreichende Bedingungen zur statistisch signifikanten Begrenzung von Risiken zu identifizieren und allgemeinverständlich zu formulieren.

Zwei Beispiele: Selbst wenn das Verbot, die Luft zu verschmutzen, eingehalten wird, kann etwa ein Vulkan die Luft verpesten. Richtiges Verhalten begrenzt nur das Risiko der Luftverschmutzung.

Wenn Politiker Arbeitslosigkeit bekämpfen, können sie schon deshalb scheitern, weil die Wirtschaftswissenschaften keine wirksamen Maßnahmen zur Verminderung des Risikos Arbeitslosigkeit vorzuschlagen vermögen.

"Eine Theorie der Gerechtigkeit" von John Rawls [Rawls 79], eine Theorie, welcher die "Süddeutsche Zeitung" einmal den Charakter einer "Weltmacht" [SZ 94] zuschrieb, hat Gemeinsamkeiten mit dem hier skizzierten Ethik-Forschungsprogramm, das "Eine Theorie der Lebenschancen" heißen könnte: Ohne jedes Risiko zu leben hieße, optimale Lebenschancen [Dahrendorf 79] zu besitzen. Nach Rawls evaluieren mündige Bürger Normen durch einen rationalen Diskurs unter dem "Schleier der Ungewissheit". Der Evaluierungsprozess steht unter dem obersten Prinzip "Gerechtigkeit als Fairness": Genau die Normen gelten, die im Diskurs als fair angenommen werden. Das Prinzip Fairness ist jedoch nicht metrisch, Normen werden bei Rawls durch Diskurse, nicht durch Wissen bestimmt. Und wie die häufigen Normenkonflikte zu lösen sind, bleibt offen.


3.4 Statistische Makroethik
Jede Theorie des Ethik-Programms besteht aus der präskriptiven Mikro- und der deskriptiven Makroethik. Die letzte beschreibt durch Zustände sowie durch Besetzungs- und übergangswahr-scheinlichkeiten mathematisch die Risikoentwicklungen realer Gemeinwesen und hilft so insbesondere der politischen Praxis.

Jeder Zustand eines Gemeinwesens oder eines seiner Untersysteme wird durch ein n-Tupel starker und ein m-Tupel schwacher Risikoparameter beschrieben; starken Risikoparametern sind starke, schwachen schwache Normen zugeordnet. Gemeinwesen besitzen stets einen Grundzustand. In ihm sind alle Normen erhalten: Er ist der Zustand höchst möglicher sozialer Ordnung und geringst möglichen Risikos. Er kann praktisch so wenig erreicht werden wie der Nullpunkt der absoluten Temperatur.

Alle Zustände eines Gemeinwesens oder eines seiner Untersysteme, in denen mindestens eine Norm nicht mehr erhalten ist, heißen Risikozustände. Bei Erhaltung einer starken Norm ist die übergangswahrscheinlichkeit in den durch die Norm verbotenen Risikozustand Null, bei Erhaltung einer schwachen Norm ist sie verschieden von Null, bleibt aber beschränkt.

Ist die starke Norm Meinungsfreiheit erhalten, verschwindet die übergangswahrscheinlichkeit in jeden Zustand eingeschränkter Meinungsfreiheit. Ist die schwache Norm, keine Gewässer zu verschmutzen, erhalten, dann ist die übergangswahrscheinlichkeit in einen Zustand unreinen Wassers zwar kleiner als ohne Normerhaltung, verschwindet aber nicht: auch Naturvorgänge können Wasser verschmutzen.

3.5 Solidarische und vernünftige Gemeinwesen
Je häufiger starke und schwache Normen in einem Gemeinwesen erhalten sind, desto vernünftiger ist es. Je häufiger Basisnormen erhalten sind, die genau durch die paarweisen Interaktionen erklärt sind, die in allen Gemeinwesen und zu allen Zeiten überlebensrisiken minimieren, desto sozial gerechter oder solidarischer möge ein reales Gemeinwesen heißen. Je häufiger starke Normen erhalten sind, desto "gerechter" sei ein Gemeinwesen.

Die in einer Epoche relativ vernünftigsten und gerechtesten Gesellschaften dürften die üblicherweise Bürgergesellschaften [Dahrendorf 92] oder liberale Gesellschaften [Rawls 92] genannten sein. Solche Gesellschaften hat der Historiker P. Kennedy [Kennedy 91] untersucht.



4. Nichtlineare Ethik: Normenkonflikte

4.1 Freie und gebundene Risikoparameter
Es gibt zwei Klassen von Risikoparametern: freie und gebundene. Sobald in einem Gemeinwesen Normenkonflikte auf mikro- oder makroethischer Ebene nachweisbar sind, treten gebundene Parameter auf.

Wer immer eine Norm als erster missachtet, provoziert einen Normenkonflikt und zwingt seiner - vernünftigeren - Umgebung Reaktionen zur Risikominimierung auf, die diese vor Entstehung des Konflikts nicht gezeigt hätte. Dies wird durch die Existenz gebundener Risikoparameter beschrieben; Normen, die gebundenen Parametern zugeordnet sind, können von Eingreifenden selbst nicht mehr befolgt werden: Gewalt erzwingt oft Gegengewalt zur Risikominimierung.

4.2 Wertigkeit von Normen und Risikoparametern
Je größer das statistische Risiko, das durch strikte Befolgung einer Norm minimiert wird, desto größer die Wertigkeit der Norm. Wertigkeiten sind Zahlengrößen und können nur empirisch bestimmt werden; sie hängen meist vom wissenschaftlich-technischen Stand eines Gemeinwesens ab.

Gewalt gegen Behinderte empfindet jeder als noch verwerflicher als Gewalt gegen Gesunde. Das Gefühl trügt nicht: Die Heilung verletzter Behinderte ist im Mittel aufwendiger als die verletzter Gesunder.

Im Grundzustand eines Gemeinwesens sind alle Risikoparameter frei. In Risikozuständen müssen jeweils bestimmte freie Risikoparameter durch gebundene ersetzt werden.

4.3 Zur Lösung von Normenkonflikten

Normenkonflikte stören die soziale Ordnung, die räumliche und zeitliche Translationssymmetrie eines Gemeinwesens.
Am Ort und in der Umgebung eines Normenkonfliktes kann nicht mehr die Geltung aller gesellschaftlichen Normen durchgesetzt werden. Die Risikominimierung ist nur noch auf einem niedrigeren Niveau möglich als vor der Entstehung des Konflikts. Die Störung erzwingt überdies eine Berücksichtigung des genauen Verhaltens des Störers. Wegen dieser "Rückkoppelung" ist jede Lösungstheorie für Normenkonflikte nichtlinear.
Je mehr Normenkonflikte, desto instabiler ein Gemeinwesen. Treten insbesondere flächendeckende Normenkonflikte auf, drohen chaotische Entwicklungen, wie Wirtschafts- oder Umweltkrisen, Bürgerkrieg oder gar Krieg.

Normenkonflikte können auch durch Ressourcenmangel - wie Hunger, Pauperismus, fehlende medizinische Kenntnisse oder Mangel an Arbeitsplätzen - entstehen.

Die Minimierung von Risiken in einem Gemeinwesen setzt voraus, dass alle Untersysteme - bis hin zu den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern - die erklärten Gesellschaftsnormen ohne jede soziale Kontrolle einhalten. Dies fällt Menschen gewiss leichter, wenn sie sich - aufgrund einer "geglückten Sozialisation" - bereits an moralischen Normen orientieren.
Das in Verantwortungsbereichen aller Größen anwendbare Handlungsprinzip "Duldung und Einmischung" operationalisiert "richtige Handlungen":

Minimiere die Wertigkeit des höchsten noch gebundenen Risikoparameters in allen deinen Verantwortungsbereichen!

Anschaulich kann man sich Einmischungen wie "chirurgische Eingriffe" vorstellen: Um den gesamten br>Organismus (höherwertigere Normen) zu retten, muss man auch gesundes Gewebe (niederwertigere Normen) opfern.

Bei Interaktionen zwischen zwei Subsystemen A und B, bei denen B zuerst normenwidrig handelt, erfordert die Risikominimierung, Wertigkeiten vergleichbarer Normen, die B schützen, gegenüber den Wertigkeiten entsprechender Normen, die A schützen, zu reduzieren.

In einer Notwehrsituation muss, um "unschuldiges Leben" zu retten, die Verletzung, notfalls der Tod des Angreifers in Kauf genommen werden. Bei Notwehrsituationen zwischen Staaten, muss der Tod einer - möglichst kleinen Menge von Menschen auf beiden Seiten - ebenfalls in Kauf genommen werden.

Kants "kategorischer Imperativ": "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde" [Kant, S. 140] fällt mit dem Prinzip "Duldung und Einmischung" genau dann zusammen, wenn kein Normenkonflikt vorliegt. Er wird also - wie es bei kumulativen Theorien auch sein muss - als Näherung reproduziert.



5. Freiheit, Wissen und Verantwortung


Freiheit, Wissen und Verantwortung hängen eng zusammen.

Personen oder Gruppen, die nachweisbar weder Wissen noch Freiräume besitzen - z.B. Unmündige oder Süchtige - tragen keine Verantwortung, können somit nicht verantwortlich sein.

Verantwortliche handeln verantwortungsbewusst, wenn sie in allen ihren Verantwortungsbereichen Risiken minimieren. Nun wer stets verantwortlich handelt, bestätigt damit die Annahme, er besäße einen freien Willen. Umgekehrt gilt: Verantwortliche freien Willens handeln stets verantwortungsbewusst.

Zur Verantwortung etwa der Politiker gehört es, Menschen, die nicht aus "freiem Willen" starke oder schwache Normen einhalten, durch Einführung geeigneter Anreize, notfalls auch durch Strafen (Rechtsnormen) zu deren Befolgung zu veranlassen.



6. Literatur


Aristoteles: Die Nikomachische Ethik; Zürich 1967
Bacon, Francis: Novum Organum 1,3; London 1620
Bentele, Karlheinz et. al.: Die Reformfähigkeit von Industriegesellschaften; Frankfurt 1995
Bentham, J.: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung; O. Höffe (Hg): Einführung in die utilitaristische Ethik; Tübingen 1992 Dahrendorf, Ralf: Lebenschancen; Frankfurt 1979
Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt; Stuttgart 1992
Eigen, Manfred: Wir müssen wissen, wir werden wissen; loc. cit. Hans Lenk
Kant, Immanuel: Kritik der Praktischen Vernunft, Analytik, 7. Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft; Werke; Darmstadt 1983
Lenk, Hans: Zu einer praxisnahem Ethik der Verantwortung in den Wissenschaften; H. Lenk (Hg.): Wissenschaft und Ethik; Stuttgart 1991
Kennedy, Paul: Aufstieg und Fall der großen Mächte; Frankfurt 1991
Mill, John Stuart: Der Utilitarismus; Stuttgart 1985
Patzig, Günther: Tatsachen, Normen, Sätze; Stuttgart 1980
Patzig, Günther: Ethik ohne Metaphysik; Göttingen 1983
Platon: Sämtliche Werke, Band I; Heidelberg 1982
Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde; Tübingen, 1992
Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit; Frankfurt 1979
Rawls, John: Die Idee des politischen Liberalismus; Frankfurt 1992
Simon, Herbert A.: Homo rationalis; Frankfurt 1993
Süddeutsche Zeitung Nr. 43 vom 22. Februar 1994
Vorländer, Karl: Immanuel Kant - Der Mann und das Werk; S. 170; Hamburg 1992
Weber, Max: Politik als Beruf; M. Weber, Gesammelte Politische Schriften, J. Winkelmann (Hg.); Tübingen 1971
Wright, Georg Henrik von: Normen, Werte und Handlungen; Frankfurt 1994
ZEITPunkte, Nr. 1/1996